Militärischer und Hospitalischer Orden des Heiligen Lazarus von Jerusalem Großpriorat Ostarrichi – Malta

Militärischer und Hospitalischer Orden des Heiligen Lazarus von Jerusalem Großpriorat Ostarrichi – Malta

Milizgütesiegel
  • Militärischer und Hospitalischer Orden des Heiligen Lazarus von Jerusalem Großpriorat Ostarrichi – Malta 49. Großmeister S.K.H. Prinz Pieter Cantacuzino

August 2018

SCHRIFT~Lectio  Römerbrief 9, 14 bis 21

 

 

 

Liebe Schwestern und Brüder in CHRISTO!

 

 

Voriges Monat haben wir die erste Tücke der Historiographie dargelegt: die

Subiectivität respective Tendenziösität; im weitern mögen wir über die andern beiden

gemeinsam nachdenken. = Die zweite ist: Geschichtsschreibung ist zwangsläufig

immer eklektisch, wir können auch sagen: selectiv. Anders geht es net, gleich

aus drei Gründen. Zum einen: derjenige, der meist im zeitlichen Abstand von

Jahrzehnten, Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden von den Ereignissen 

berichtet, kann nicht jede Einzelheit wissen; er kann also nur das aufschreiben,

was ihm aus den Büchern der Altvorderen oder aus eigener Forschung bewußt

ist. Zum andern: selbst wenn einem Historiographen jede winzige Bagatelle

bekannt wäre [bis hin zum Ersatzmann für einen erkrankten Cammerdiener,

der dem Kaiser das Frühstück etwas ungeübt serviert hat, und daraufhin…],

könnte er nicht alles darlegen, denn so viel Platz ist zwischen den Buchdeckeln

net; der Verfasser müßte eine Auswahl treffen, die wiederum subiectiv wär.

Und zum dritten: kleine, unbedeutende Sachen sind allermeist Lercherlschas,

gleichwohl können einige von ihnen ursächlich sein für bewegende Ereignisse;

oft ist es so, daß der nachträglich Berichtende das tatsächlich ausschlaggebende

‚Kleinzeug‘ nicht kennt respective nicht erkennt. [Da fällt mir die etwas schräge

Novelle von Christopher Bush ein: ‚Der Mord von Hampstead‘, in welcher der

Verfasser logisch nachweist, daß ein harmloser Leserbrief in ‚The Times‘ über

eine lange concatenatio von kleinen Begebenheiten schließlich zum Mord von

Hampstead geführt hat. Analoges gibt’s tatsächlich, gar in die größten Ausmaße

hinein = hierauf kommen wir noch zurück.] Es ist gewiß etwas Zutreffendes an

dem alten Sager ‚Niemand ist ein Held vor seinem Cammerdiener‘. Der vertraute

domesticus weiß um alle kleinen Eigenheiten und Wehwehchen seines Meisters,

die nichts als menschlich sind… und selbst der seine Lieblingsfiguren im stärksten

Maße idealisierende und vergötzende Historiograph muß widerwillig einräumen,

daß auch die eindrucksvollsten Gestalten der Geschichte nichts mehr und nichts

weniger als Menschen sind, die speisen, baden, sich rasieren, Gefühle, Vorurteile,

Bildungslücken, Überempfindlichkeiten, schiefe Angewohnheiten und überhaupt

einen Alltag haben. {Fröhliche Auflockerung zwischendurch. Vor langer Zeit, als

ich Jungstudent war, haben mein Vater und ich über dies Thema beim Caffee

symphilosophiert. = Nota bene: sym ist keine Verschleifung von Simpl im Sinn

Karl Farkas’s, vielmehr die griechische Vorsilbe für z’sammn. = Ich hab bekundet,

daß ich recht gern all jene kleinen Bagatellerln über die Geschichtsheróen wissen

würd, denn für mich, leidenschaftlichen und präcisen Beobachter, sind sie viel

aufschlußreicher wie einleuchtender als Krieg und Politik und was sonst in den

Fachbüchern steht. Aber, hab ich ergänzt, dafür müßt ich im Jenseits sein, maßen

ich vermut, daß ich dortn dereinst in das von keinem irdischen Historiographen

bearbeitete ‚Kleinzeug‘ Einblicke gewinnen würd. Hierauf mein Vater, ein fröhlicher 

Universalgelehrter Alten Schlags: Wünsch Dir net das Jenseits herbei! Denn dort

bekommt man eine Harfe und ein Liederbuch in die Hände und man muß auf

Commando unisono lobsingen, Ewigkeiten lang, bis man irgendwann einige

Geheimnisse vorgeführt bekommt… das ist nix für uns. Ich hoff, bei meinem Vater

hat der HERR eine Ausnahme zugelassen… und weiters, daß ER dies bei mir einst

auch tun wird.} Zum vorigen paßt, daß viele Geschichtsschreiber aus Gewohnheit,

aus Pathosfreude, aus Nationalstolz, oft sicherlich mit Fleiß, beeindruckende wie

rührende Heldenconstructionen schaffen. Ein exemplum: Das Attentat von

Harmodios und Aristogeiton auf die beiden tyrannoi von Athen, Hippias und

Hipparchos, anno 514 v.Chr. [wobei jene aber nur den zweiten niedergestreckt 

hatten, der erste konnte fliehn]. Die Nachwelt feiert die zwei Mörder als Nationalhelden:

Mit welch heroischem Mut wollten sie das Volk Athens von den Schreckensherrschern

befrein! … Ich hab das noch so gelernt als Gymnasiast. Der freimütige wie heitere

Joachim Fernau (1909-1988) traut sich aber, den wirklichen Grund des Anschlags

zu nennen: Eifersucht zwischen homophilen Männern. [Nota bene: die berüchtigte

paiderastía hatte in der Oberschicht des alten Griechenlands zum guten Ton gehört…

o Schröck, verlåß mi‘.] Fernau commentiert die Heldencreation arg ruppig: „Das sind

Lügen, wie man sie in der Weltgeschichte auf Schritt und Tritt findet“. [Rosen 110.]

Etwas aus der Literatur: Altösterreichische Leser kennen Joseph Roth’s sehr traurigen

Roman ‚Radetzkymarsch’… und hierin den langwierigen Protest des Hauptmanns von

Trotta gegen die in einem Lesebuch für Schüler maßlos überheroisierte Darstellung

der von ihm bewirkten Rettung des Lebens Kaiser Franz Josephs bei Solferino 1859.

Aber… liebe Freunde… sind Heldenberichte net das, was wir gern lesen wollen…

Wir sehn nun, wie lückenhaft und tendenziös all unser Wissen ist. Daher tun wir gut

daran, den Allwissenden HERRN der Geschichte im Gebet um kritisches Urteilsvermögen,

um präcise Beobachtungsgabe, um logische Deductionscompetenz zu bitten, damit wir

möglichst unbefangen die Geheimnisse und den Sinn dieses irdischen Seins erkennen.

 

CHRISTUS spricht [Joh 8,32]: ET COGNOSCETIS VERITATEM ET VERITAS LIBERABIT VOS

~ und ihr werdet die WAHRHEIT erkennen, und die WAHRHEIT wird euch frei machen.  

 

 

Nächstes Monat wird dies Thema fortgesetzt und geschlossen.

Bis dahin: GESEGNETE Sommertage!

 

Amen.